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Willi Wichtig, die alte Laberbacke,

färbt sich die Haare, schwafelt alle voll und will unbedingt den jungen Frauen imponieren. Es klappt auf Anhieb nur selten, denn er benutzt ein aufdringliches Rasierwasser mit Moschusduft. Er ist frisch geschieden und braucht jetzt doppelt weibliche Aufmerksamkeit für sein Selbstbewusstsein. Er vermisst zwar seine Frau als Person nicht sonderlich, lediglich die Bequemlichkeit fehlt ihm sehr. Das Bett ist noch am Abend unordentlich, wenn er es nicht am Morgen gemacht hat. Der Kühlschrank füllt sich nicht von selbst, wenn er bei einem Gefecht mit „der Raffkäs“ die Ladenschlusszeit vergisst. Seit seiner Scheidung verbringt Willi Wichtig die Abende allein in seiner kleinen Dachwohnung vor dem Spiegel und übt sich als Playboy und Versicherungsvertreter.

„...und für einen lächerlichen Aufpreis

von 30 % sind sie bei uns auch auf dem Weg zum Töpfermarkt versichert.“
Sollte er vor „30 %“ eine bedeutungsvolle Pause machen oder besser vor „auch“?
Trifft der vielsagende, alles verstehende Augenaufschlag in Verbindung mit „Töpfermarkt“ voll ins Schwarze?
Ist es übertrieben, wenn er sich beim „uns“ mit der linken Hand ans Herz greift? Ist hier eine angedeutete Geste eventuell wirkungsvoller?
So vergehen seine langen, einsamen Abende.

Gleichzeitig übt er Phrasen zum Flirten vor

dem Spiegel ein. Willi muss die Keramik-Werkstätten kontrollieren und stiert dabei den Lehrlingen beim Ofeneinbauen auf den Hintern. Obwohl die bedeutungsvollen Augenaufschläge, die wirkungsvolle Betonung einzelner Sätze und das umwerfend charmante Lächeln seiner Meinung nach überwältigend sind, hat noch keine angebissen.

Seine Morgenrituale sind ihm wichtig!

Kaum im Büro der Berufsgenossenschaft für Keramik (dem grosszügigsten aller grosszügie Arbeitgeber), greift er in seinen gestern erworbenen Computerrucksack. Ein Accessoire, das ihn, wie er meint, um einige Jahre jünger erscheinen lässt. Mit gedehnten Bewegungen holt er drei Plastik-Stullenbüchsen heraus, die sich deutlich von Raffkäsens Tuppergeschirr unterscheiden. Er klappt den Deckel der ersten Dose auf, saugt das heraustretende Aroma genüsslich ein. Dann hebt und senkt er die Abdeckung einige Male in Richtung Raffkäs...
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(c) Astrid Dlugokinski-Thoma

Letzte Änderung am Montag, 8. September 2008 um 00:22:43 Uhr.

Linktipp des Tages:

Nanu, mögen sich die Festspielgäste in der ersten Pause der Tannhäuseraufführung am 15. August 2007 gedacht haben.
Mitten auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, aber ein Gefühl wie auf Marble Hill.
Eine elegante Gesellschaft picknickt im Richard-Wagner-Park direkt unter dem Festspielhaus.


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